Aus aktuellem Grund halte ich es für erforderlich, einige Worte über die Übertragung arabischer theologischer Begriffe in die deutsche Sprache zu verlieren. Hierbei geht es nicht nur um die korrekte, umfängliche Bedeutung eines Wortes in der arabischen Sprache, sondern auch um die Bedeutung in der deutschen Sprache jenes Begriffs, welcher für die Übersetzung und Sinn-Übertragung gewählt wird.
Tatsache ist wohl, dass der arabische Begriff TAQWA tatsächlich am Besten mit EHRFURCHT und/oder FRÖMMIGKEIT also ev. ?GOTTESBEWUSSTSEIN (sich der Existenz Gottes bewusst zu sein)? (im kombiniert christlich-jüdischen Kontext ? siehe weiter unten) wiedergegeben wird. Allerdings nicht in auschließlichem Sinn, welcher diesem Wort von durchschnittlich Deutsch sprechenden Menschen zugeordnet wird (nämlich nur mit FURCHT vor GOTT, wie GOTTESFURCHT landläufig verstanden wird). Dies wird deutlich, wenn man die Erklärungen berücksichtigt, welche diesem Begriff mit auf den Weg gegeben werden ? auch im lexikalischen Sinn des Wortes (siehe weiter unten).
Eine FEHLINTERPRETATION: ?Wenn ein Gläubiger TAQWA hat und mit dieser Einstellung z.B. zu einem Vorstellungsgespräch geht, dann wird Allah es machen, dass der Ansprechpartner Furcht vor dem Gläubigen bekommt.?
Diese Erklärung ist in zweierlei Hinsicht falsch. Der Schaden welcher mit solchen Äußerungen angerichtet wird, kann gar nicht genug in Erwägung gezogen werden. Sie gibt nur eine sehr beschränkte Einstellung wieder, welche als al-huda (Rechtleitung) bekannt ist.
Richtiger könnte gesagt werden:
?Wenn ein Gläubiger TAQWA hat und mit dieser Einstellung zu einem Vorstellungsgespräch geht, dann wird Allah es machen, dass der Ansprechpartner Respekt (oder Hochachtung) vor dem Gläubigen bekommt.?
Denn mit TAQWA ist GOTTESBEWUSSTSEIN, DEMUT, SELBSTSICHERHEIT, BESCHEIDENHEIT, WISSEN, ZURÜCKHALTUNG, BESTIMMTHEIT usw. verbunden und nicht EINBILDUNG, HOCHMUT, SELBSTGEFÄLLIGKEIT, ÜBERHEBLICHKEIT, ÜBERMÄSSIGKEIT, IGNORANZ, AUFDRINGLICHKEIT, INKONSISTENZ, etc.
Keinesfalls ist es so, dass des gottesfürchtigen Gläubigen Auftreten FURCHT oder ANGST in den Herzen der Mitmenschen erwecken soll (außer, das Gegenüber träte dem Muslim in aggressiver, feindlicher Haltung gegenüber, was aber bei einem zukünftigen Chef wohl nicht anzunehmen ist), sondern vielmehr soll dem schwachen Licht Gottes im Herzen des anderen Menschen, welches durch die Verirrungen der egozentrierten SEELE seinen Glanz und seine strahlende Helligkeit verloren hat, durch die TAQWA des Gläubigen zu erneutem Durchbruch verholfen werden. Der SELBSTERKENNTNIS, gepaart mit der Erkenntnis der Möglichkeiten zur Verbesserung des eigenen Lebens wird durch das Zusammensein mit einem der TAQWA verwirklicht, der Weg gebahnt.
Das Ergebnis ist die HOCHACHTUNG und der RESPEKT, welche solch beschenkter Mensch dem Gläubigen entgegenbringt ? und KEINESFALLS FURCHT oder ANGST!
Wenn also Menschen, wenn sie nach der Bedeutung des Begriffs GOTTESFURCHT befragt antworten:
?Das ist die FURCHT oder ANGST vor Gott?. Ist dies eine einseitige und beschränkte Definition, vor dessen Verabsolutierung man sich hüten MUSS! Sie ist weder im Sinne der islamischen Überzeugung, noch entspricht sie der Bedeutung von "GOTTESFURCHT" im Deutschen.
Die islamische Bedeutung wird auf schöne Weise (die im Zusammenhang allerdings - al Hamdulillah - erwähnt wurde) folgenderweise wiedergegeben. TAQWA ist wie ein Vogel: Dessen rechter Flügel ist der Hoffnung nach Gottes Vergebung gleich und sein linker Flügel gleicht der Furcht vor dem Zorn und der Strafe Gottes ? und dessen Körper ist der Liebe zu Gott vergleichbar!
Wer ein wenig über dieses Gleichnis nachdenkt, wird von selbst entdecken, dass Furcht oder Angst nicht vor ALLAH (t) zu haben ist (weil ER für SICH SELBST die BARMHERZIGKEIT SEINEM ZORN vorgezogen hat!), sondern weil man ALLAH (t) gegenüber weder HOFFNUNG noch ZORN empfinden soll ? sondern NUR UNGETEILTE LIEBE ? die SEINEM TAUHID entspricht.
HOFFNUNG bringt man also nicht Gott gegenüber zum Empfinden, sondern SEINER BARMHERZIGKEIT, resp. nach dem Erlangen derselben. ANGST oder FURCHT bringt man nicht Gott, dem EIN- und EINZIGEN ?GELIEBTEN? entgegen, sondern Seinem ZORN!
Vielleicht mögt ihr dies bedenken, meine Geschwister im Islam. Doch Allah weiß es am Besten. Habe ich gefehlt, so ist dies mein Fehler und sprach ich die Wahrheit, so geschah es aus der Gnade des Erhalters aller Welten!
Aus den LEXIKA:
Die Bedeutung von EHRFURCHT in der deutschen Sprache lautet etwa wie folgt: Ehrfurcht ist ein hochsprachliches Wort für eine mit Verehrung einhergehende Furcht. (ein kombinierter Begriff! "der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, ?) Eine Verehrung ist das Gefühl einer besonders starken Ehrerbietung durch eine Person. Die verehrte Person genießt durch den Verehrer eine außergewöhnlich starke und respektvolle Zuneigung.
GOTTESFURCHT und FRÖMMIGKEIT Im Judentum macht die Gottesfurcht den Kern der Frömmigkeit aus. Scheu vor dem strafenden, zürnenden Gott und Jubel über sein Erbarmen kennzeichnen die innere Haltung Israels im Tanach. Abraham gilt als der Idealtypus der israelitischen Frömmigkeit, die aus der Bewährung in der Tat gepaart mit Demut und Gottvertrauen besteht und in völlige Hingabe mündet. Im Neuen Testament finden sich viele Belege dafür, dass Jesus sich vehement gegen eine rein äußerliche Gesetzes-Frömmigkeit aussprach, vor allem in Gesprächen, in die ihn Pharisäer oftmals verwickelten. Er forderte uneingeschränkte Hingabe an den Vater, die nur durch das stete Bemühen in der sittlich-religiösen Tat verbunden mit einer tief empfundenen Gottes- und Nächstenliebe zu verwirklichen ist.
ACHTUNG und RESPEKT Respekt (lateinisch respectus ?Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung? bzw. respecto ?zurücksehen, berücksichtigen?) bezeichnet eine Form der Achtung und Ehrerbietung gegenüber einer anderen Person (Respektsperson). Eine Steigerung des Respektes ist die Ehrfurcht.
ANGST und FURCHT Theologisch gesprochen ist Angst das Gegenteil von Glaube. In allen Religionen geht es um die Entmachtung der Angst, auch dort, wo die Götter selbst als furchteinflößend erscheinen, womit eher Ehrfurcht als Furcht erzielt werden soll. Die Angst ist ein negatives Gefühl, das mit der tatsächlich oder vermeintlich erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Schadens verbunden ist und bezeichnet somit eine Empfindungs- und Verhaltenssituation aus Ungewissheit und Anspannung, die durch eine eingetretene oder erwartete Bedrohung (z.B. Schmerz, Verlust, Tod) hervorgerufen wird.
FURCHTist eine Bezeichnung für unangenehme Emotionen auf eine konkrete Gefahr oder Bedrohung. Eine plötzlich einsetzende Furcht wird auch als Schrecken bezeichnet - man fürchtet sich anhaltend, erschrickt aber jäh.