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Über die ABSICHT

 
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M.M.Hanel
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BeitragVerfasst am: Do 26 Sep, 2013 12:25    Titel: Über die ABSICHT

Bismillahi Rahmani Rahim

Über die ABSICHT
geschrieben von Sr. SAM

Eine im Islam zentrale und fundamentale Komponente des „Din“ (der Religion) ist die Niyyat - die Absicht, die Ausrichtung. Jeder Tat geht eine Absicht voran und die „Tat ist der Absicht zugeordnet“ wie unser geliebter und geehrter Prophet - Friede sei mit ihm und der Segen Gottes – wiederholt betont hat. Sie ist der entscheidende Faktor bei jeglichen Taten, die „Grundpfeiler der Handlungen“. Wir werden also gemäss unseren Absichten beurteilt, werden sogar am Jüngsten Tag ihnen gemäss auferweckt werden. Jede Handlung wird entsprechend der ihr zugrunde liegenden Absicht bewertet, ist diese eine (überwiegend) „gute“, kann zumindest jede (im Islam) erlaubte ihr folgende Handlung Gottes Lohn nach sich ziehen, ist sie eine (mehrheitlich) schlechte oder fehlerbehaftete, unsaubere, kann keine noch so „gute“ Handlung in Verbindung damit dies „gutmachen“! Auch nicht ausgeführte Handlungen werden ihrer Absicht, dem zugrunde liegenden Wollen entsprechend gewertet – die gewollte Unterlassung übler Taten wird, trotz gegenteiligem Impuls dazu hingegen als volle gute Tat gezählt.

Was ist eine „gute“ Absicht? Für den Muslim ist es ohne Frage so, dass jede gute Absicht die Absicht „FÜR GOTT“ handeln zu wollen, meint. Wir wissen, dass ER uns – und alles andere im Universum – erschaffen hat, dass wir zu IHM zurückkehren, und dass nichts ausser IHM von Substanz und von Bedeutung ist. Wir wissen auch, dass es so etwas wie das NICHTIGE, im heiligen Qur’an als „BATIL“ benannt, gibt, welchem wir uns vorübergehend illusorisch zuwenden können, das jedoch vergeht, sich unserer Realität entziehen wird und laufend entzieht – und es bleibt nur das Angesicht des Herrn der Majestät und Ehre (Sure 55: 27). Also ist der Muslim bestrebt, sein Tun und Denken, sein Handeln und seine Absicht auf Ewiges zu richten – in der Hoffnung, sich dadurch selbst dem Ewigen, Lebendigen anzuschliessen, in der Vereinigung mit dem Geliebten seine Heimkehr, seine Ankunft, Erfüllung zu erleben. Keine andersgeartete Ausrichtung als die auf den Allerhöchsten kann Bestand und Wertigkeit beinhalten.

Unter vielen anderen Gelehrten hat sich auch der grosse Wissende, Imam Abu Hamid Muhammad al Ghazzali, dem Thema der Absicht, der NIYYAT ausführlich gewidmet und zwar im 37. Buch der Ihya ulum ad Din, welches in einer Übersetzung von Hans Bauer – Gott danke es ihm - im Spohr Verlag in deutscher Sprache unter dem Titel „über Intention, reine Absicht und Wahrhafigkeit“ (kitab an niyyah wa l- ikhlas wa s-sidq.) verfügbar ist. Auf dieses möchte ich hier Bezug nehmen, um diese Absicht, das Niyyah (-t) zu beleuchten.

Imam Al Ghazzali geht auf die verschiedensten Erscheinungen der Absicht, auf ihre mannigfaltigen Zusammensetzungen und Wirkungen ausgehend von ihrem Ursprung, der menschlichen Seele, detailliert ein.

Erste Voraussetzung ist, dass Liebe sowie Erkenntnis Gottes im Menschen vorhanden sind und das Ziel der Vereinigung mit IHM darstellen: „Das Erkennen kommt zuerst, denn es ist der Stamm und die Bedingung, das Tun kommt an zweiter Stelle, denn es ist die Frucht und der Zweig“. (S33) und: „Niemand aber kann Gott lieben, ausser wer Ihn kennt und keiner ist vertraut mit IHM ausser wer dauernd Seiner gedenkt“. Es kann nur derjenige verstehen, warum die Absicht gegenüber der Ausführung (Handlung) den Vorrang hat, „welcher das Ziel der Religion kennt und den Weg dahin sowie die Bedeutung des Weggeleises“ (S. 40) Die Vertrautheit entsteht durch das fortwährende Gedenken (dhikr) und die Erkenntnis durch fortwährendes Sichversenken (fikr) und die Liebe folgt notwendigerweise der Erkenntnis. Das Herz kann aber nur dann ganz im Gedenken und Sichversenken leben, wenn es frei ist von weltlichen Zerstreuungen und es ist nur dann von ihnen frei, wenn es die Begierde nach der Welt von sich abgetan hat, so dass seine Richtung und sein Streben auf das Gute geht, während es das Böse flieht und verabscheut ...“ (S 41) Die Neigung (hin zu Gott gefälligen Werken) wiederum wird „durch die Übung darin gefördert“. Folgt man jedoch nicht der so gewonnenen Neigung, handelt ihr gar entgegen, „so wird sie schwach und kraftlos und manchmal verschwindet und verflüchtigt sie sich ganz.“ (S 42). Die Werke sind insofern wichtig, als sie wiederum auf das Herz wirken (S. 106) und es besteht ja „zwischen den Gliedern und dem Herzen ein enger Zusammenhang, sodass sie einander beeinflussen ...“ (S 42)

Nun ist der Mensch ja ein durchaus bedürftiges und schon in seiner weltlichten Grundexistenz von mannigfaltigen Faktoren unbedingt abhängiges Wesen. Seine Grundbedürfnisse umfassen sowohl körperliche wie seelische Anteile, für die er zwingend in der Welt um sich herum Entsprechung zu suchen genötigt ist. Wird ihm dies gänzlich verunmöglicht, wird er (körperlich oder seelisch) krank. Die Bedingungen für eine gottgefällige und somit auch für die grob- wie auch die feinstoffliche Schöpfung zuträgliche Befriedigung dieser Bedürfnisse sind uns in den heiligen Schriften dargelegt worden – zuletzt im heiligen Qur’an. Allerdings neigt der Mensch dazu, sein gesamtes vielschichtiges und auf Transzendenz ausgerichtetes Wesen auf kurzsichtige und voreilige Weise aus dem rein Weltlichen heraus „nähren“ zu wollen – dies immer wieder mit katastrophalen Folgen.

Die Ausrichtung auf ALLAH, auf Gott, auf die Quelle unseres Daseins, soll also unserem Streben Ausgewogenheit, ganzheitliche Sinnhaftigkeit verleihen, soll jedem Impuls seinen angemessenen und optimalen „Platz“ zuweisen. Trotz aller Hindernisse auf dem Weg haben, ihres eigenen Wesens sowie des Göttlichen gewahre Menschen, das Unterfangen dieser aufrichtigen Hingabe an Gott aus einem tiefen inneren Sehnen nach Wahrhaftigkeit (arabisch Sidq) heraus zu ihrem Anliegen gemacht. Es ist das höchste, hehrste Anliegen und Streben der menschlichen Seele, Gottesnähe und Sein Wohlgefallen zu erreichen - demensprechend liegen ihm eine Vielzahl an Hindernissen im Wege und Iblis der Widersacher , der Verfluchte, richtet sein Streben dem unseren hier mit aller Kraft entgegen. Die grossen Gelehrten des Islam haben es nicht versäumt, diese Schwierigkeiten in ihrer Essenz in ihren Fokus zu nehmen, detailliert zu beschreiben und ihre Handhabe genauestens zu erläutern. Auch Imam al Ghazzali widmet sich dem Thema ausführlich, beschreibt sowohl die verschiedenen Erscheinungsformen der Absicht, ihren Aufbau in Reinheit, sowie auch (die Schwierigkeiten) ihre(-r) Läuterung und Reinhaltung, z. B. auch die Neigung des Egos, sich „gute“ Absicht einzubilden während es sich eigentlich nur der „Eigenpflege“, widmet. Die „Augendienerei“, der Wunsch, den Menschen zu gefallen, Ansehen unter ihnen zu erlangen, ist eine Komponente davon, Macht und Kontrolle zu erlangen eine andere. Begehrlichkeit und Begierde verschiedener Art gehören dazu und auch Angst, Mutlosigkeit, Verzagtheit kann uns durchaus einen einschneidenden „Strich durch die Rechnung“ machen. Die „wahrhaftige Absicht“ ist also sowohl durch das Ego (arabisch „Nafs“) des Menschen selbst, als auch durch die Einflüsterungen des Teufels in permanenter höchster Gefahr. *)

Schon manch‘ ein Ernsthafter auf dem WEG wäre an der Unmöglichkeit, seine Absicht in Anbetracht seiner vielfältigen menschlichen Wünsche und Bestrebungen rein zu halten von jeglicher „Beimischung“ fast verzweifelt. Imam al Ghazzali stellt klar, dass es auf jeden Fall besser ist, eine Handlung durchzuführen, als nicht zu handeln, auch wenn man sich ihrer Beimischung weltlich ausgerichteter Anteile bewusst ist. Letztendlich sei auch die „gemischte“ Absicht bei Gott „gültig“, vorausgesetzt, es liegt eine Absicht für das Göttliche zugrunde. Allerdings ist die ungetrübte Kraft einer Handlung nur bei maximalen Anteilen der Ausrichtung aufs Göttliche verfügbar. Sobald die weltlichen Anteile darin Überhand gewinnen, wird die nachfolgende Handlung kraftlos und ineffizient!
Imam al Ghazzali – möge Gott mit ihm zufrieden sein – selbst hat an einem bestimmten Punkt in seinem Leben, als er ein unter den Menschen hochgeachteter Gelehrter war, alles aufgegeben, hat seine Stellung als Lehrer, Familie und Wohnort verlassen im tiefen Verlangen, seine Ausrichtung, seine Niyyat gänzlich zu reinigen. Es gibt – neben dem Vorbild unseres geliebten Propheten und seinen Gefährten - unzählige Beispiele und Geschichten von aufrichtigen Gottesdienern, die in der Absicht, vor der Aufgeblasenheit ihres Egos Zuflucht zu nehmen, viel an Entbehrung, Erschwernis und Einschränkungen auf sich nahmen, z. B. die des Sultans, der nach vielen glorreichen Siegen beschloss, mit seiner Armee im Dunkel der Nacht in die Heimatstadt zurückzukehren, damit nicht „die Beifallsbekundungen der Sterblichen … unsere Egos so mit Stolz erfüllen, dass wir niedergestreckt am Boden liegen“! Der Khalif Umar Abd del Aziz sowie viele Gelehrte und Gottnahe - Gottes Wohlgefallen sei auf ihnen allen – sind uns ebenso eindrückliches Beispiel.
Innerhalb des hohen Anspruchs nach der reinen Niyyats ist die Liebe zu Allah, zu Gott zentral und essentiell, ohne sie ist das nicht zu machen. Wir erinnern uns: Am Anfang war die Erkenntnis Gottes; eng mit ihr verwoben und aus ihr entspringend die Liebe zu Gott, notwendigerweise treibende Kraft jeden Handelns und Essenz jeder Absicht auf dem Weg.

Im Qur‘ an Sure 3:92 wird uns gesagt: Nie könnt ihr zur vollkommenen Rechtschaffenheit gelangen, solange ihr nicht spendet von dem, was ihr liebt; und was immer ihr spendet, wahrlich, Allah weiß es wohl.

Neben der Empfehlung, anderen Menschen von dem zu geben, womit man versorgt wurde, liegt in dieser Ayat (diesem Vers) die elementare Aussage, dass „vollkommene Rechtschaffenheit“ (oder „wahre Frömmigkeit“) nur durch das (aktive!) Hintanstellen (=Hergeben) von geliebten (gegenständlichen) Objekten hinter der Liebe zu Gott erreicht werden kann! Nur, wenn unsere Liebe zu IHM so gross ist, dass wir sie allem anderen, das wir lieben, überordnen – denn diese wird gewiss vorausgesetzt - wozu sollte man freiwillig auf Geliebtes verzichten, wenn nicht vor dem Hintergrund des mehr Geliebten? – wird Frömmigkeit, Vollständigkeit (arabisch: „Birr“) erreicht. In der Liebe zu Allah taala liegt das Potential zur Transformation unseres „Nafs“ (Ego) hin zum wahren „Selbst“, in ihr sind ALLE Möglichkeiten enthalten. Verbunden mit dem Handeln in entsprechender Ausrichtung, den weisen Vorgaben und Richtlinien unserer Religion und umgeben von durch Istiqama „rechtschaffener Beharrlichkeit“ ( Qur’an 11:112, sowie in Sure 1:6 im Sirat al Mustaqim dem „geraden Weg“ enthalten), Ichlas, der „vollkommenen Aufrichtigkeit“ – (Sure 112), sowie Sidq, Wahrhaftigkeit wird ihr derjenige Rahmen gegeben, innerhalb dessen diese ihren Weg in unsere gelebte Realität hinein finden können; Wenn wir nicht müde werden, zu hoffen, nicht verzweifeln an uns selbst , anderen Menschen oder „Umständen“, uns nicht zermürben lassen von immer wieder ähnlichen Schwierigkeiten, wenn wir nicht zaghaft und wankelmütig sind in unserer Hingabe, immer wieder neuen Mut und Entschlossenheit zur klaren Niyyat fassen, kann unter Umständen, so Gott will, umfassende Heilung, langersehnter Umschwung - auf breiter Basis- stattfinden.

Einzig wirkliche Freiheit ist nur über diesen Weg zu erlangen. Es ist die maximale Freiheit vom Geschöpflichen hin zum Schöpfer, zum Ursprung allen Seins. Mögen wir nicht zögern, diesen Weg auf uns zu nehmen. Mögen wir nicht mut- und kraftlos werden. Mögen wir nicht unsere Vorstellungen uns den WEG verstellen lassen. Mögen wir nicht zurückschrecken vor der Unbedingtheit dieses Weges, sondern vollen Herzens und hohen Mutes dem Angesicht Allahs und damit unserer Heilung, unserem[/size] Heil entgegenstreben. Und möge ER uns dabei helfen!


*)Ausserdem: Schlechte Handlungen nicht durch gute Absichten „in ihrer Stellung verändert“ werden können, durch sie quasi „geheiligt“ werden können. Es sei höchstens „heimliche Begehrlichkeit und die versteckte Leidenschaft, die dem Herzen das einzureden sucht…“ (S 47) Die Absicht für Gott hat einzig für die guten sowie für die (neutralen aber) erlaubten Handlungen ihre Akzeptanz. Diese wiederum können in sich aus mehreren „guten Absichten“ bestehen, da es ja durchaus im Rahmen der guten Absicht und der Handlung „für Gott“ auch möglich, sogar wünschenswert ist, Gutes an sich selbst und anderen Menschen sowie an der Schöpfung insgesamt zu bewirken. Das „Movens“ (der Beweggrund bezw. das Bewegende selbst, der Wille) richtet sich auf ein Agens, ein bzw. mehrere „Handlungsobjekte“ – (welche von ihrer Natur her notwendigerweise im Bereich des Weltlichen, Vergänglichen liegen müssen, Anmerkung SAM) – oder mehrere Willen können sich gemeinsam eines Agens annehmen (S36/37) Auch die Unterlassung einer Handlung ist in sich eine Handlung (S. 62) und das Handeln ohne Absicht ist unnütz (S. 44) Die Absicht/Ausrichtung (die Niyyat) lässt sich nicht „willkürlich erwecken“ - höchstens durch das erstgenannte Dhikr und Fikr sowie die Übung im guten Handeln stärken und lebendig halten! – (womit man wieder die alte Frage der Vorherbestimmung unseres Willens berührt … )

_________________
Wassalam
M.M. Hanel
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