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„Hochmotivierte Selbstausbeutung“?

 
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M.M.Hanel
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BeitragVerfasst am: Do 26 Sep, 2013 12:44    Titel: „Hochmotivierte Selbstausbeutung“?

Bismillah

„Hochmotivierte Selbstausbeutung“?
Von Sr. S.A.M.

Es gibt Schlüsselerlebnisse. Momente, in denen einem „wie Schuppen von den Augen fällt“ und man auf einen Schlag Muster – entweder des eigenen Verhaltens oder auch der Abläufe in grösseren Zusammenhängen – erkennt, in denen man auf einmal wie ein (teilweise) aussenstehender Zuschauer auf das Geschehen zu blicken vermag.

Solch ein „Schlüsselerlebnis“ hatte ich kürzlich, als mir anhand einer Situation der extremen Müdigkeit und Belastung (vielleicht nicht ganz zum ersten Mal aber auf eindrückliche Weise) klar wurde, dass ich quasi im „Strom“ des Zeitplans meines Terminkalenders wie eine Art Roboter einfach danach strebe, das Häkchen „erledigt“ hinter jeden Einzelpunkt zu setzen. Es wurde plötzlich die Möglichkeit sehr evident, diesem Zeitplan einen jähen „Strich durch die Rechnung“ zu machen, indem ich einfach ausscheren würde. Mich entschiede, mich selbst, mein Wohlbefinden zu wählen anstelle des „automatisierten“ Fortfahrens in einem vorprogrammierten Ablauf. Auf einmal trat mir sonnenklar die Tatsache vor Augen, dass es uns in jedem einzelnen Moment freigestellt, anheimgestellt ist, zu ent - scheiden. Ja, dass wir in der Tat ganz real in jeder Minute, gar Sekunde über eine Vielfalt von Handlungen entscheiden! Unsere Entscheidung betrifft jede Bewegung unserer Körperglieder, jeden Gedanken, dem wir uns zuwenden, jeden Schritt, den wir tun und jede, auch „unbedeutendste“, Handlung, die wir unternehmen.

Allerdings wird diese erfreuliche und durchaus belebende, motivierende Einsicht durch die weniger erbauliche Erkenntnis getrübt, dass unsere Entscheidungen – (in „modernen Zeiten“ jedenfalls) - sehr oft wie oben beschrieben, einem langfristig vorausgeplanten „Programm“ unterliegen, innerhalb dessen wir – mit einer manchmal sklavischen, an Resignation grenzenden Haltung ohne klares Bewusstsein unseres Eigenentscheids dahinter - einfach „funktionieren“.

Nun sollen wir ja nicht dazu übergehen, in anarchischer Weise jede momentane Entscheidung einem spontanen, unwillkürlichen Impuls zu unterstellen. Solches Verhalten würde sich schon nach kurzer Zeit selbst ad absurdum führen, den Zusammenbruch jeglicher Struktur herbeiführen und wäre nicht haltbar. Menschen haben sich schon immer „organisiert“, untereinander abgesprochen und gemeinsame Anliegen, menschliche Grundbedürfnisse auf synchrone Weise geregelt, auch in früheren Zeiten schon mit starker Betonung auf gesellschaftlich anerkannten Regeln und Normen. (Täuschen wir uns nicht über die Existenz dieser allgemeingültigen Normen auch in unserer Zeit durch ihre „modernen Abwandlungen“ und Neuerfindung von Generation zu Generation!) Was aber unsere heutige Zeit vor allem auszeichnet, ist die Dominanz der Industrialisierung, Technisierung und Digitalisierung über unser natürliches menschliches Empfinden. Die „Geister“, die wir mit diesen Erfindungen immer wieder von Neuem „ins Leben rufen“ brauchen ihre Aufmerksamkeit und Pflege. Immer schwieriger wird es, den Überblick über alles Existente – seien es technische Neuerungen, politische Umwälzungen, gesellschaftliche Entwicklungen - zu behalten, immer aufwändiger die Erfassung und Aufrechterhaltung alles Neuen. Zudem färbt das Tempo, das durch maschinelle und elektronische Steuerung der Abläufe unseres Alltags den Takt angibt, unser menschliches Leben weitreichend ein, drängt sich auf, bedrängt uns unaufhörlich und zunehmend in unserem ureigenen Rhythmus. Wir werden immer wieder gezwungen, wider unsere menschlichen Vielfalt und Differenziertheit uns dem Technischen, Digitalen „anzupassen“ – und damit unserem natürlichen individuellen Empfinden für Ausgewogenheit, für das richtige Mass (und für die nötigen „Zutaten“), unserem jeweiligen Eigenrhytmus - zumindest streckenweise - entgegenzuhandeln. Die Balance zu halten zwischen diesem „linearen Tempo“ und den natürlichen Schwankungen des Lebensrhythmus‘ ist hohe Kunst – und gelingt nur bedingt. Die Auswirkungen dieses „Seiltanzes“ bezw. „Jonglierens“ lassen sich in mannigfaltiger Form beobachten: Depression, Resignation und Gleichgültigkeit, Undifferenziertheit und Oberflächlichkeit, exzessives Geniessen und „über die Stränge schlagen“ sind nur einige davon. Eine auch weit verbreitete Haltung – im Falle des freudigen und motivierten Mitschwingens innerhalb des Prozesses kann man, wie ich unlängst zu Ohren bekam als „hochmotivierte Selbstausbeutung“ bezeichnen!

Vor allem innerhalb des Arbeitsprozesses wirken sich diese „fremden Strukturen“ aus – aber auch ausserhalb von ihm und so ist es nicht verwunderlich, dass das Empfinden für den gesunden Eigenrhytmus und mit diesem für die Eigenverantwortung hinter jeder unserer kleinsten Entscheidungen zumindest betäubt wird. Letztendlich übergehen wir somit uns selbst und unseren ureigenen Kern bei diesem – zuweilen - unreflektierten „Erledigen“ unserer Programmpunkte – auch dann, wenn wir selbst dieses „Programm“ aktiv mitgestaltet haben!

Dieser Tage kam mir folgendes Gedicht „über den Weg“, welches viel mit der beschriebenen Situation zu tun hat:

Drehend und drehend in immer weiteren Kreisen
Versteht der Falke seinen Falkner nicht;
Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr;
Und nackte Anarchie bricht auf Erden los,
Blutgetrübte Flut ergießt sich, und überall
Wird der Brauch der Unschuld ertränkt;
Den Besten fehlt alle innere Überzeugung, während die Schlimmsten
Erfüllt sind von der Kraft ihrer Leidenschaft.

Von William Butler Yeats

Für uns Muslime steht hinter jeder unserer momentanen Entscheidungen der Anfangsentscheid für ALLAH t und Seinen Gesandten s.s. – das heisst, für den Islam. Es geht also für uns letztlich nur darum, mit unseren Handlungen die Beziehung zu Allah taala zu erinnern und zu pflegen – und somit im Eigentlichen um uns – um uns als Medien, als “Gefaesse” fuer den Willen Allahs taala. Diese ist eine überaus bedeutsame, kraftvolle, gewichtige, ja sozusagen eine „heilige“ Grundlage, eine Grundlage, die in ihrer Bedeutsamkeit diejenige unserer jeweiligen übrigen Entscheide bei weitem überragt. Wissen wir sie nicht mehr genügend zu würdigen, lassen wir sie nicht im Zentrum unseres Handelns immer wieder lebendig spuerbar werden, wird es uns gehen wie unten beschrieben:

„Umherwandernd zwischen zwei Welten, die eine tot: Die andere zu schwach, um
geboren zu werden.“
(Autor?)

Das Fasten im Ramadan ist eine enorme Hilfe bei dieser Erinnerung an unser Kernanliegen. Muhammad - Friede sei mit ihm – hat uns darüber gesagt:

Für jede Tat des Sohns von Ādam wird eine zehnfache Belohnung gegeben, bis zum 700-fachen. Allah sagt: `Außer für das Fasten, denn es ist für Mich, und Ich werde es belohnen, denn er gibt seine Gelüste und sein Essen um Meinetwillen auf……“ (al-Bukhāri 5927; Muslim 1151).

Möge der kommende Ramadan dazu beitragen, uns in unserer Gewissheit (Iman) zu festigen, möge die tägliche, stündliche Festigung unseres Entschlusses zu fasten unser Bewusstsein für die Wichtigkeit und den hohen Stand unserer Verantwortung für jeden Moment unseres Daseins stärken!
_________________
Wassalam
M.M. Hanel
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