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Himmel & Hölle

 
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M.M.Hanel
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BeitragVerfasst am: Do 26 Sep, 2013 11:52    Titel: Himmel & Hölle

Bismillahi Rahmani Rahim
Himmel und Hölle
geschrieben von Sr. S.A.M.

Im Dialog mit Menschen, die sich als „Zweifler an Gottes Existenz“ bezeichnen, ist das am häufigsten vorgebrachte Argument bei weitem dieses: „Wenn es Gott gibt, warum lässt Er dann so viel Leid zu?“ Man möchte gerne einen Gott „haben“, der einfach nur lieb und gütig ist, der alles Unangenehme, das Leid der Welt, sowie auch die Hölle des Jenseits „abgeschafft“ hätte – man möchte Ihm (erhaben ist ER) da gerne dreinreden, vielleicht eine Art „Disneyland – Schöpfung“ als Gegenvorschlag unterbreiten.

Die Fragestellung nach dem Leid jedenfalls lässt den Gläubigen „doppelt irritiert“ aufhorchen. Zum einen, weil er sich in der Regel abgewöhnt hat, Gottes Ratschluss in Frage zu stellen, zum anderen, weil er versucht, nachzuvollziehen, welches „bessere Konzept“ dem Fragesteller denn vorschweben mag. Sind wir wirklich schon dermassen eingenommen von unserem menschlichen „Machbarkeitswahn“, dass wir uns eine „bessere Schöpfung“ anmassen wollten, unsere menschliches, beschränktes Verständnis über Gottes erhabenes, allumfassendes Wissen, über Seine unergründliche Weisheit stellen wollen?

Aber wir wollen das Experiment doch so am Rande wagen, uns eine Schöpfung „ohne Leid“ vorzustellen versuchen. Es wäre also alles „in Butter“, keiner würde den anderen verletzen, kein Geschöpf das andere jagen, nichts dem anderen in irgendeiner Form Leid zufügen. Schon diese Vorstellung lässt uns an Grenzen stossen. Man fragt sich: was würde ich z. B. essen ohne ein anderes Geschöpf in seiner Integrität zu stören, sei es auch „nur“ ein Blumenkohl? Wie wäre die Eigentumsfrage geregelt, würde jedem Menschen/ Tier/Organismus ein von vornherein bestimmter Anteil „gehören“, der ihm zustände, zukäme, ohne dass er dafür etwas tun, ohne dass er dafür die Grenzen zum Anteil seines Gegenübers ausloten – und sich mit ihm darüber austauschen - muss? Nur schon diese „Grenzfragen“ zeigen uns also auf, dass die Vorstellung einer Welt „ohne Leid“ (denn es sind doch zu einem guten Teil Fragen der Abgrenzung der verschiedenen Lebewesen gegenüber dem jeweils anderen, die zu Leid führen!) die „Welt“ , so wie sie jetzt ist, von Grund auf in Frage stellt und dass eigentlich nur das Paradies, so wie es uns beschrieben wird, als „Alternative“ zu einer der jetzigen zumindest ähnlichen Schöpfung in Frage käme.

„Leid“ kann allerdings, wie wir alle wissen, durchaus auch durch rein seelische Aspekte verursacht werden. Der Mensch leidet, weil er glaubt, er käme am Anteil „seelischer Einheiten“ zu kurz, andere „hätten“ mehr davon, andere „bekämen immer“ mehr davon als man selbst. Man kann letztendlich einfach an sich selbst leiden, ein unbestimmtes Leid, einen tiefen brennenden Schmerz empfinden, der uns auf eine gähnende Leere hinweist, auf eine „ABWESENHEIT von ETWAS“. Wohl kein Leid ist so intensiv, so tiefschürfend, so existenziell bedrohlich, die ganze Person erfassend, ergreifend, erschütternd wie dieses. Der Mensch kann nun entweder versuchen, dieses Gefühl des „Grundleidens“ zu vermeiden, zu umschiffen, sich von ihm abzulenken, indem er, auf welche Art auch immer möglich, Wohlbefinden herzustellen sucht. Er kann es grundsätzlich ablehnen oder aber mal grundsätzlich als Tatsache hinnehmen, einen Sinn und Zweck darin als gegeben annehmen – (und so den ersten Schritt in Richtung dessen Auflösung zu tun….)

Eine „Welt ohne Leid“ (oder mit „weniger Leid“) müsste jedenfalls diese existentielle Leere von vornherein ausschliessen. Es müsste anstatt ihr a priori Fülle, Ganzheit existieren. Lehnen wir also dieses „Manko“ in unserer Seele, in der menschlichen Existenz grundsätzlich ab, verweigern wir uns damit eigentlich dem Prozess, diese zu füllen – wissen vielleicht auch nicht, haben noch nicht erfahren, wie es sie zu füllen gilt – oder: wie wir uns für ein Ganzwerden öffnen können, es geschehen lassen können. Der gläubige Mensch tut dies (meist beharrlich und stückchenweise) in seiner Hinwendung zu Gott – in Hinnahme der weltlichen Gegensätze, Akzeptanz des göttlichen Willens.

Im christlichen Raum gab es nun über die Jahrhunderte eine starke Fokussierung auf das Leiden in Anlehnung an die „Leiden Christi“. Viele MystikerInnen haben darin ihre Erfüllung gefunden und die Akzeptanz, ja das Auskosten dieses Leidens als unabdingbaren Teil ihres Weges zu Gott empfunden. Andererseits existiert – wohl eher unter den „einfacher gestrickten“ Bürgern (jeden Glaubens) auch die Vorstellung einer möglichen Vermeidung oder doch Verminderung des Leidens durch „Wohlverhalten“ – gegenüber Gott. Die Vorstellung und Hoffnung, dass man durch Einhaltung göttlicher Gebote die schwierigen Aspekte unseres Daseins „umgehen“ könne, sie „ausklammern“ könne oder doch zumindest Gottes „Heftigkeit“ mit uns (die zuweilen wohl auch fälschlich als Sein Zorn interpretiert wird) „besänftigen“. Diese Prämisse ist unter Umständen aber gerade dazu prädestiniert, Hoffnung zu enttäuschen und richtet daher auch immer wieder einiges an Schaden an.

Der grosse Psychiater C. G. Jung beschreibt im Buch von A. Jaffe „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ auf eindrückliche Weise sein Ringen mit seiner eigenen Fähigkeit zur Begehung von „Sünde“ - und somit seine unausweichliche Verstrickung - als erwachsener, mit Eigenwillen versehener Mensch – in den ganzheitlichen Prozess der Auseinandersetzung mit der der Welt inhärenten Polarität zwischen Licht und Dunkel, Freud und Leid, Fülle und Mangel „Gut“ und „Böse“. Sein Ringen auch mit dem ihm von seinem Vater und evangelischen Pastor vermittelten „Glauben“ an eine „potentiell gute Welt“ unter der Voraussetzung der menschlichen Vermeidung von Sünde. C.G. Jung kommt für sich zum Schluss, dass man sich dem Willen Gottes widersetzen kann, gerade indem man die „Sünde“ (ohne wirklich eine „bessere Ausweichmöglichkeit“ zu kennen, ausser der Vermeidung an sich)zu meiden sucht und dass man, umgekehrt „sicher sein kann, den richtigen Weg zu gehen, WENN man den Willen Gottes erfüllt“…. dass man „Gott ausgeliefert ist und dass es auf nichts anderes ankommt, als Seinen Willen zu erfüllen. Ja, dass man sich der „Erfahrung des unmittelbaren, lebendigen Gottes“ verschliesst, will man versuchen, unangenehme Aspekte des Lebendigen auszuklammern! *) C. G. Jung hat mit dieser Einsicht wohl die Voraussetzungen zu einer adäquaten und auch im geistigen Sinne umfassenden Betrachtung der menschlichen Seele eröffnet, einen potentiell tief heilsamen psychologischen Ansatz geschaffen. Er hat damit aber auch – ungewollt natürlich, obwohl er den Islam recht gut kannte - quasi den „ersten Schritt“ in Richtung eines muslimischen Verständnisses der menschlichen Seele – sowie dadurch auch des muslimischen Welt- und Gottesverständnisses - gemacht.

Soll also das (intensive) Leiden uns ebenso wie die (äusserste) Freude uns vielleicht zu dieser „Erfahrung des unmittelbaren, lebendigen Gottes“ führen? Wäre es möglich, dass es dem Menschen auferlegt wäre, in der Tiefe seiner eigenen Seele, in den „himmlischen“ Aspekten der Glückseligkeit und tiefen Dankbarkeit ebenso wie in den „höllischen“, des Sich – Abgesondert - Fühlens, der unendlichen Einsamkeit, der Leere, des Mangels, der Verwirrung und Angst IN seiner eigenen Seele und durch eben sie GOTT zu suchen und zu finden? Steckt vielleicht gerade in dieser Unvollkommenheit, Unfertigkeit unserer menschlichen Angelegenheit DAS Potential, die Erfüllung – im Diesseits und im Jenseits – zu erlangen? Wären unsere jeweiligen weltlichen Zustände somit ein Wegweiser hin zum „jenseitigen“ Seinszustand? Und: ist es unser Ernst, dass wir diese Aufgabe von uns weisen wollen, wären wir Menschen denn wirklich zufrieden mit einer „seichten Zufriedenheit“, mit einem „Leben ohne Ecken und Kanten“, ohne die grosse Herausforderung – zu siegen oder zu scheitern, das Himmlische oder das Höllische zu erleben – uns in diesen Prozess hineinzugeben indem wir uns ganz grundsätzlich dem Göttlichen hinzugeben sowie aktiv zuzuwenden suchen?


Des Menschen Seele besteht nach muslimischem Verständnis aus verschiedenen Komponenten. Da ist einmal die niedere Triebseele, in Arabisch als „Nafs“ bezeichnet. Es ist dasjenige, was ein – und ausatmet, was uns Bedürfnisse meldet und deren Erfüllung gebietet. Ein anderer Aspekt des Menschen aber ist sein „höheres Wesen“, das sich als Teil des Göttlichen wahrnimmt, sich nach „Rückanbindung“ an dieses sehnt, das weit über das niedrige „Selbst“ hinaus lebt und existiert!

Wir können uns nun ohne Ende auf der Stufe der „niederen Triebseele“ bewegen, Wünsche und Bedürfnisse erfüllen, befriedigen, feststellen, dass neue entstehen und von vorne beginnen. Wir werden sogar feststellen, dass die Zufriedenstellung unserer Bedürfnisse unter Umständen noch intensivere Bedürfnisse und Wünsche wachruft, also keinesfalls den ersehnten inneren Frieden herzustellen vermag. Bleiben wir auf dieser Stufe, können wir nun für Leiden wirklich keinen Sinn erkennen, gibt es doch aus ihm kein Entrinnen, keine Erlösung!

Sehen wir allerdings in diesem „Selbst“ - in unserem „Ego“ - eine Art „Sprungbrett zu einer höheren Seinsform“, einer, in der wir vollständiger, ganzer, Gott näher sein können, dann können wir ihm nur dankbar sein. Können seine „Funktion“ schätzen lernen. Können es, mit geeigneter Anleitung wagen, weiterzugehen, darüber hinaus zu gehen!

Im muslimischen Glauben hat das Leiden nie einen besonders hohen spirituellen Stellenwert gehabt, es sei denn, verstanden als ebendieser „Impuls zur Hinwendung zu Gott“. Leiden - in sich selbst eine passive Haltung – kann, darf, soll ergänzt und werden mit der aktiven Attitüde jeglicher Hinwendung zu Gott, jedes Dienstes auf Seinem Weg, soll nicht ausgekostet, sondern möglichst mit Freude und Dankbarkeit „ummantelt“ werden. Soll vielleicht das „Salz in der Suppe“ darstellen, gewiss aber nicht die „Suppe versalzen“….

Gott möchte, nach muslimischem Verständnis, ERKANNT WERDEN. ER hat den Menschen mit der ganz ausserordentlichen Fähigkeit ausgestattet, IHN zu suchen, hat ihm die Wahlmöglichkeit verliehen, sich – vorübergehend und leidlich – mit sich selbst zufriedenzugeben oder eben IHN zu suchen und zu finden. Die Vorstellung vom „lieben Gott“, die im christlichen Kulturkreis beheimatet ist und einen vorwiegend väterlich – fürsorglichen Gott imaginiert, Gott auf diesen Aspekt REDUZIERT, ist im Islam nicht vorherrschend. Wohl ist Gott, ALLAH der (überaus) Barmherzige, al Rahman; der Liebende, al Wadud; Der, der uns mit allem im Übermass und ohne zu rechnen versorgt, al Razzak; der Vergeber jeder Sünde, Al Ghafur, al Afuun; Al-Waliy, der Schutzherr, Beschützer, der Eröffner, al Fattah; ER ist aber auch al Dschabbar, der Gewaltige, Unterwerfer; al Qahhar, der Bezwinger , Al-Chaafid; der Erniedriger (der Hochmütigen), al-Muntaqim, der gerechte Vergelter und al-Qabid, Der, der „zusammenzieht“. Und, er ist al Hayy, der Lebendige!

Als Muslime finden wir uns also in jedem Seelenzustand Gott in einer Seiner Eigenschaften nahe. Wir erkennen IHN in uns selbst, wissen uns in jedem Zustand in IHM aufgehoben, wissen, dass wir Teil Seiner gesamthaften Schöpfung, Seines Plans, Seiner Bestimmung sind; dass wir dem nicht entkommen können ausser durch vermehrte Hinwendung zu IHM. Wir suchen Zuflucht VOR Ihm BEI Ihm. Und wir machen uns in einem „zweiten Schritt“ daran, in Anerkennung unserer Lichtnatur, unseres „höheren Selbst“, sowie unter Befolgung göttlicher Gebote uns in diesem den Weg zu Gott zu „bahnen“, es zunehmend in unser (profanes) Leben zu integrieren. Dazu dienen uns die Anleitungen aus dem heiligen Qur’an und der Sunna (Gepflogenheit) unseres Propheten – und hat man sich einmal auf diesen Weg gemacht, seinen Inhalt „geschmeckt“, wird man sich nicht mehr so leicht davon abwenden.

Himmel und Hölle sind Wirklichkeit. Wirklichkeit zuallererst in uns selbst. Die Abwesenheit des Göttlichen in uns selbst bezw. unsere eigene Unfähigkeit, Zugang zu ihm zu finden, können wir als überaus schmerzhaft und quälend empfinden, unter Umständen wohl als „höllisch“. Dessen Integration in uns selbst und unser Leben jedoch - die letztendlich nur mit Gottes Hilfe geschehen kann, wohl aber auch durch unser aktives Zutun - weist ebenso real auch auf unsere „himmlische Natur“ hin. Haben wir uns einmal ernsthaft auf den Weg zu (unserer Ganzheit in) Gott gemacht, werden wir ganz verschiedenartigen Aspekten in uns selbst gewisslich begegnen. Allein der Glaube kann den Mut und die Entschlossenheit, auch die „Fertigkeit“ verleihen, sich allen Prüfungen zu stellen, allen „inneren Dämonen“ zu begegnen, die einen auf diesem Weg herausfordern mögen. Nur unter dem Aspekt des Göttlichen macht diese Reise Sinn, nur im Verlangen nach SEINER Präsenz in unserem Leben werden wir die vielen mühseligen Schritte vom „niedrigen Selbst“ (arabisch „Nafs“)zum „höheren“ begehen, werden vielleicht auch mögliche Sprünge in die Weiten unserer „himmlischen Natur“ wagen, werden in demütiger Akzeptanz unseren Weg durch Leid und Freude hin zu IHM bahnen. Und darauf hoffen, darum bitten, dass ER unsere Anstrengungen vervollständigt.

In Sure 5, Al Maida, Ayat 6 heisst es u.a.:
… Allah will euch keine Bedrängnis auferlegen, sondern Er will euch reinigen und Seine Gunst an euch vollenden, auf daß ihr dankbar sein möget.


So „einfach“ wäre das eigentlich….



P.S. eine nette Geschichte von Martin Buber zu dem Thema, leider nur in einem Forum gefunden:
http://herzenssache.org/forum/geschichten-und-parabeln/1472-der-engel-und-die-weltherrschaft.html


Und, für diejenigen mit Flair für Poesie ein kurzes Gedicht von R. - M. Rilke:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Die sich über die Dinge zieh‘n
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
Aber versuchen will ich ihn…


*)Aniela Jaffè : „Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung“, Walter Verlag, S.46 ff

M.M.Hanel hat Folgendes geschrieben:
Siehe auch den Artikel von Schwester S.A.M. "Warum gibt es Leid auf der Welt?" unter: http://www.iphpbb.com/board/ftopic-43715060nx17898-51-45.html#1320

_________________
Wassalam
M.M. Hanel
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