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»Die Notwendigkeit zu differenzieren«

 
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M.M.Hanel
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BeitragVerfasst am: Do 26 Sep, 2013 10:39    Titel: »Die Notwendigkeit zu differenzieren«

»Die Notwendigkeit zu differenzieren«
http://www.ustinov.at/dialog/

Der Massenmord in Norwegen, am 22. Juli 2011, hat den latent mörderischen Charakter eines Extremismus bewiesen, der sich zunehmend am Feindbild Islam in einer intellektuell lächerlichen, gesellschaftlich aber potentiell tödlichen Hysterie hochrankt. Diese Art von mörderischer Gesinnung, die – wenn man sie lässt – in mörderische Taten mutiert, ist bekannt. Sie besteht in einer die Wirklichkeit krude verzerrenden Sicht, die nach einem als bedrohlich konstruierten „defining other“ verlangt, eben nach einem Feind, um das eigene abstruse Weltbild überhaupt konstruieren und rechtfertigen zu können.


„Der Islam“ des Massenmörders ist ein Konstrukt wie „das Judentum“


Jean Paul Sartre hat in seinem noch unter deutscher Besatzung 1943 geschriebenen und nach der Befreiung von Paris veröffentlichten Essay diese Zusammenhänge am Beispiel des Antisemitismus beschrieben und analysiert: Der Antisemitismus sagt überhaupt nichts über „die Juden“ aus, aber alles über die Antisemiten. Ähnlich ist die Weltsicht zu sehen, die hinter dem 22.Juli steht: „Der Islam“ des Massenmörders ist ein Konstrukt wie „das Judentum“ – und nicht die Realität.

In der Einleitung zu seinem Buch „The Second Plane“ (London 2008) schreibt Martin Amis: „I was once asked: ‚Are you an Islamophobe?’ And the answer is no. What I am is an Islamismphobe, or better say an anti-Islamist, because a phobia is an irrational fear, and it is not irrational to fear something that says it wants to kill you.” Kritik an bestimmten Formen des Islam, Angst vor Gewalttaten bestimmter Islamisten ist nicht nur legitim sondern eine die Wirklichkeit korrekt reflektierende Reaktion auf das, was ist: auf den 11.September, auf die Anschläge in Madrid und London.

Islamophobie geht nicht von einer solchen differenzierenden Sicht aus. Islamophobie baut auf der Annahme, es geben den einen und einzigen Islam. Und diese Annahme ist falsch; genau so falsch wie hinter dem Massenmord von Norwegen „das Christentum“ zu sehen, nur weil der Mörder sich als militanter Christ zu erkennen gegeben hat.

Es ist richtig und wichtig, aufzuzeigen, was in den islamischen Schulen in Pakistan gelehrt wird und wie die Realität der Taliban- Herrschaft aussieht. Und es ist legitim, den demokratischen Staat und die Gesellschaft vor den real möglichen Attacken des Islamismus zu schützen. Aber es ist irreführend, den Islam in seiner Gesamtheit als Verursacher dieser Gefahren auszumachen; wie es auch nicht möglich ist, das Christentum insgesamt in Geiselhaft zu nehmen, wenn im Namen des Christentums Massenmord begangen wird – wie in Jerusalem, als im Jahre 1099 die siegreichen Heere der Kreuzritter alle Muslime und alle Juden der Stadt hinschlachteten.

Was ist daran spezifisch muslimisch?


Alles, was – zu recht oder zu Unrecht – „dem Islam“ entgegen gehalten wird, klingt allen vertraut, die christlich sozialisiert worden sind. Unterdrückung der Frauen? Monopolanspruch auf „die Wahrheit“? Höllenprophezeiungen für alle Ungläubigen? Paradiesische Belohnungen für die Märtyrer der eigenen Sache? Was ist daran spezifisch muslimisch – ist es nicht auch Teil der Geschichte des Christentums?

Der Unterschied zwischen Islam und Christentum ist ein Unterschied, der am besten mit dem Begriff Verspätung beschrieben wird. Das kirchlich organisierte Christentum hat – mit Ausnahme einiger protestantischen Kirchen – bis tief hinein in das 20.Jahrhundert gebraucht, um sich mit der politischen Demokratie, dem säkularen Staat und den universalen Menschenrechten abzufinden. Der Islam in seiner Gesamtheit braucht offenkundig etwas länger – obwohl die Affekte des Massenmörders von Norwegen gegen den „Multikulturalismus“ und das, was er „Kulturmarxismus“ nennt, analoge Züge zur fremdenfeindlichen Intoleranz aufweisen, der in islamischen Gesellschaften zu beobachten ist.

Gemeinsamkeit zwischen Islam und Christentum

Es mag sein, dass den islamisch geprägten Gesellschaften eine der europäisch-amerikanischen Aufklärung entsprechende Periode (noch) fehlt. Doch die Aufklärung setzte sich nicht mit dem, sondern gegen das organisierte Christentum insbesondere der Katholischen Kirche durch. Angesichts der zweitausendjährigen christlicher Geschichte ist eine Verspätung „des Islam“ gegenüber „dem Christentum“ von zwei, drei Generationen ein bescheidener Zeitraum. Auf diese Zeitspanne kommt man, wenn die Aussöhnung der christlichen Kirchen mit der Aufklärung in der Mitte des 20.Jahrhunderts festmacht.

Die Gemeinsamkeit zwischen Islam und Christentum ist die fast unüberschaubare und widersprüchliche Vielfalt beider religiösen Traditionen. Die Konfliktlinien in islamischen Gesellschaften – im arabischen Raum, im Iran, in Pakistan, in Indonesien, anderswo – sind von einer Komplexität, die an die Konfliktlinien in christlichen Gesellschaften in einer nicht allzu lange zurückliegenden Vergangenheit erinnern. In den Niederlanden und in Deutschland waren noch tief ins 20.Jahrhundert hinein „Mischehen“ die Eheschließungen zwischen Katholiken und Protestanten – von beiden Kirchen mit tiefem Argwohn betrachtet und gerade noch akzeptiert. Das evangelikale Christentum in den USA hat in seinem Antimodernismus (Stichwort: Evolutionsdebatte) in wesentlichen Punkten mehr gemeinsam mit Islamisten als mit der amerikanischen Episkopalkirche.

Wolfgang Benz hat – leider – vollkommen recht, wenn er meint, gegen die Fülle von aggressiven Trugbildern und Wahnvorstellungen, die hinter dem Massenmord von Norwegen auszumachen sind, ist der Verweis auf die Wirklichkeit höchst unzureichend. Nur: Welches andere Mittel haben wir denn als die nüchterne Information, als das ständigen Aufzeigen der Widersprüche zwischen Wahn und Wirklichkeit?

Prof. Anton Pelinka, 15. 09. 2011

M.M.Hanel hat Folgendes geschrieben:
Kurz und treffend sind die Worte, welche Anton Pelinka gefunden hat, um die allgemeine, anti-islamisch wuchernde gesellschaftliche Befindlichkeit im "Westen" (die übrigens nur von Ausnahmen von einer antiislamistischen)unterschieden werden kann) beim Namen zu nennen, deren Ursachen und "Querverweise" zu ihnen anzureissen und in gehörige Erinnerung zu rufen.

Dennoch will der Hinweis aus mir zum Ausdruck kommen, dass grundsätzlich auch 10 Generationen nicht "zu lange" wären (obgleich dieser Zeitraum ev. dann doch zu lange wäre - wollen wir überhaupt noch eine GEMEINSAME Zukunft gestalten) UND, dass mit "Komplexität" - wie mir scheint, ein wenig zu wenig auf den definitiv nichtmuslimischen und schon gar nicht nichtislamischen Einfluss hingewiesen wird, welcher eine Stabilisierung in oben erwähnten muslimischen Ländern nachhaltig verzögert - verunmöglicht.

_________________
Wassalam
M.M. Hanel
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