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Befragung eines Asylbewerbers

 
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Sumaya M.



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BeitragVerfasst am: So 25 Jan, 2015 21:46    Titel: Befragung eines Asylbewerbers

Schon die Annäherung war schwierig – keiner der Bewohner des Asylzentrums W. wollte für ein Interview zur Verfügung stehen. Auch M. vergewisserte sich nach dem Gespräch, dass man ihn nicht namentlich erwähnen würde. Trotz seiner gefassten, schicksalsergebenen Haltung scheint die Vorsicht durchaus angebracht, werden Aufenthaltsbewilligungen doch gerade an bestimmte Bevölkerungsgruppen nur zögerlich vergeben, Restriktionen, gar Bussen hingegen leichtfertig ausgeteilt.
Bald 10 Jahre ist M. in der Schweiz. Im Zentrum in U. wohnen annähernd 200 Menschen aus Somalia, Iran, Türkei, Eritrea, Irak, Afghanistan auf engstem Raum zusammen. Die Mehrzahl davon dem Krieg in ihrem Land entflohen, keine Wirtschaftsflüchtlinge. Männer, Frauen, Kinder, einzeln und in Gruppen, in jeglicher Formation. Sowohl Frauen mit ihren Kindern als auch Minderjährige - 14 – bis 80 – jährige machen sich alleine auf den Weg. Der Weg hierher führt entweder – mit dem berüchtigten Schiff – über Libyen und übers Meer, dann hoch nach Italien und weiter. Oder auch übers Land: Türkei – Griechenland. Sind die Menschen traumatisiert? Ja, zu Beginn auf jeden Fall. Alkoholprobleme sind häufig, Schlägereien und Sachbeschädigungen an der Tagesordnung. Vor allem die ersten 2, 3 Monate sind kritisch danach bessert es langsam. Viele, auch die Muslime, suchen im Alkohol das Vergessen – in Wirklichkeit aber vermehren sich gerade durch den Alkoholkonsum die Probleme. Es gibt massive Zusammenstösse, niemand möchte eingreifen, man muss die Polizei, die Ambulanz rufen. Es gibt starke Männer, die in ihrem Zorn massive Sachbeschädigungen im ganzen Haus anrichten oder sich selbst in lebensgefährlicher Weise schwer verletzen. Die erste Zeit ist immer die kritischste, viele werden depressiv.

Inwiefern kommt Hilfe von den Behörden? Werden die Asylbewerber von der Bevölkerung akzeptiert? Längst nicht immer. Einige Ethnien haben es bei den Behörden um vieles leichter als andere, den Grund dieser Unterscheidung kennen wir nicht, möglicherweise spielt ihr religiöser Hintergrund eine Rolle. Beispielsweise Bewerber aus Eritrea bekommen nach kurzer Befragung in aller Regel sofort die Bewilligung „B“ (vorläufig befristete Aufenthaltsbewilligung). Auch afghanische Flüchtlinge werden kulant behandelt, bekommen in der Regel bald die Bewilligung „F“ (vorläufig aufgenommene Ausländer). Andere warten oft jahrelang auf einen Bescheid der Behörden, fünf, sechs, sieben Jahre. Dann wird negativ entschieden, man kann Rekurs einlegen – danach wieder: warten. Arbeiten darf man auch mit Bewilligung „F“, während der Wartezeit, wenn immer möglich wird das genutzt. Die Möglichkeiten sind allerdings beschränkt: Chancen hat man höchstens im Gastgewerbe oder im Gartenbau. Auch Sprachkenntnisse spielen eine Rolle, spricht jemand die Landessprache steigen die Chancen. Somalische Bewerber bekommen in aller Regel „F“ oder negativen Entscheid. Muslimische Sudanesen: keine Chance. Die heiß ersehnte Bewilligung „B“ hingegen bekommt von 200 Bewerber vielleicht einer – man hat also klar das Gefühl, dass hier selektiert wird.

Gibt es Deutschkurse? Nur in der Kirche, am Freitag von 12 bis 14h, genau zur Zeit des Jumaá – Gebets. Wer nicht teilnimmt, muss Busse zahlen. Man ist stark der Willkür der zuständigen Sozialarbeiter ausgeliefert, manche sind hilfreich, andere gar nicht.

Was erhoffen sich die Menschen, die hierher kommen? Man denkt, man könne hier ein neues Leben beginnen, der zurückgelassenen Familie helfen, deren Lage oft prekär ist. Z. B. in Somalia hat man fast keine Lebensgrundlage ohne Unterstützung aus dem Ausland. Es herrscht Krieg, die einzige Hoffnung neben den Familienangehörigen sind Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz. Wenn jemand um Asyl ansucht, bekommt er in der ersten Wartezeit 500 Schweizer Franken monatlich, wird er abgewiesen, sind es während dem Rekurs noch sfr 300, als angenommener Flüchtling sfr 900 im Monat. Mindestens sfr 200 wandern pro Monat ins Heimatland, hat man kranke Verwandte, oft um einiges mehr. Viele haben Mitte des Monats bereits kein Geld mehr und machen Schulden bei Mitbewohnern. Es sind oft halbe Kinder, knapp volljährig, die von hier aus ihre Eltern, Geschwister, deren Kinder ernähren. Der Druck seitens der Familie ist gross.

Haben die Flüchtlinge in der Regel vor, langfristig hierzubleiben oder stellen sie sich eher auf einen vorübergehenden Aufenthalt ein, während dem sie Geld verdienen können um danach in die Heimat zurückzukehren? Es gibt beides. Manche tragen sich mit dem Gedanken, zurückzukehren und daheim ein Geschäft aufzubauen. Für andere ist Europa „alles“. Die Mehrzahl will bleiben, vielleicht 70 – 80%, meist sind es jüngere, es gibt aber auch sehr alte Menschen, die sich aufs Bleiben einstellen, unter Umständen Familie hier haben, sich hier eine höhere Lebensqualität erhoffen. Andere Menschen ab einem gewissen Alter würden um keinen Preis ihr Heimatland verlassen wollen.

Wie steht es um die Zufriedenheit der Menschen hier? Viele sind nicht zufrieden, haben vor allem Angst um den Glauben ihrer Kinder. Wie viel Zeit verbringen wir mit unseren Kindern und wie viel Zeit sind sie unter anderer Aufsicht? Wir sind hierhergekommen mit unserem Glauben, unsere Kinder wurden hier geboren. Es fehlt der Adhan, der Gang zur Moschee – mit diesem wächst der Glaube langsam. Ich kann die Kinder hier am Wochenende in die Madrassa schicken aber das reicht nicht. Es ist ein „Glücksspiel“ mit 50/50 – Chancen. Man sieht häufig junge Menschen, die den Glauben ihrer Eltern hinter sich lassen und dies offen zugestehen. Man kann da nichts machen.

Was würden Sie sich von Seiten der einheimischen Muslime wünschen? Die Muslime wären aufgerufen, mehr für uns zu tun. In solchen Heimen sind oft über 50% Muslime, niemand besucht sie. Etwa 10% davon beten. Ein – zweimal im Monat eine Unterweisung in ihrem Din (ihrer Religion) würde sie sicher unterstützen. Es wäre ganz etwas anderes, wenn ab und zu ein Imam hierherkäme, auch eine Frau, die den Frauen als Gesprächspartnerin zur Seite steht. Sowieso gehen nicht alle Kinder freiwillig in die Madrassa... Es gibt unter den Bewohnern des Hauses wohl manche, die zu dieser Art Unterricht qualifiziert wären, auch Lehrerinnen. Allerdings sind diese häufig selbst bedrückt und überfordert und nicht in der Lage, diese Aufgabe in grösserem Rahmen wahrzunehmen. Viele der Bewohner würden gerne den Qur´an lesen, wenn sie es könnten. Es wäre sicher hilfreich für die Muslime, in ihrem Iman gestärkt zu werden, würde ihre Depressionen lindern und ihre gegenseitigen Aggressionen dämpfen, allzu oft geraten sich gerade Muslime in die Haare, die an einem Tiefpunkt angelangt sind. Wenn man Zuwendung und Hilfe erfährt, wird man dankbar, zufriedener. Man würde sich miteinander und in der Schweiz allgemein wohler fühlen.
Eine andere Art von vorstellbarer Hilfeleistung wäre, wenn es Anwälte gäbe, die den Asylbewerbern günstig zur Verfügung stünden. Es gibt viele Asylbewerber, die in der Heimat massive Probleme haben, jedoch nicht wissen, wie sie ihre Rechte hier einfordern können. Der kleinste Fehler, ein falsches Wort, bewirkt oft einen Negativentscheid.
Die räumliche Enge ist ein weiterer Problempunkt. Nur eine Toilette pro Stock, eine Küche für über 60 Menschen, bis zu 5 Familien müssen sich einen Kochherd teilen. Es gibt oft Konflikte und Streitereien wegen dem Putzen, wenn etwas kaputt geht; in Zimmern von geringer Grösse leben drei Asylbewerber zusammen, das ist die Regel, auch bei Familien. Die Kinder dürfen nicht auf dem Gang spielen, auch das wird gebüsst. Hat dann jemand vielleicht einen positiven Entscheid bekommen, stellt sich das Problem der Wohnungsfindung. Oft findet man keine Wohnung und muss bleiben.

Wenn Sie ihren Lieben in ihrem Heimatland einen guten Rat geben wollten, empfehlen Sie ihnen dann, dort zu bleiben, oder hier um Asyl anzusuchen?
Keinesfalls empfehle ich ihnen, ihr Land zu verlassen. Aber sie glauben, sie wüssten es besser, würden Europa übers Internet kennen und wollen nicht hören. Es geht mir hierbei vor allem um ihren Din (ihre Religion). Natürlich kann man überall vom Weg des Glaubens abkommen aber die Wahrscheinlichkeit ist hier ungleich höher – wie gesagt ich schätze 50%, im Vergleich zu vielleicht 10 – 20% im Heimatland.

Können Sie sich frei bewegen, wenigstens innerhalb der Schweiz? Nein, man darf sich nicht einmal aus dem Kanton wegbewegen, auch nicht für einen Besuch. Dort, wo man registriert ist, muss man bleiben. Was unter Umständen zu schwer verständlichen Entscheiden führt – Leute, die perfekt französisch sprechen und daher in der französischen Schweiz viel die besseren Chancen hätten, müssen hier bleiben, auch mit Bewilligung „B“. Mit dieser kann man höchstens, wenn man eine Arbeit findet, in einen anderen Kanton ziehen. Mit „F“ oder gar „N“ - keine Chance.

Was wünschen Sie sich von Allah taala für sich und andere? Jedem das, was er sich im Herzen wünscht, was er braucht!

Und für Sie selbst? Für mich? Was Allah für mich arrangiert hat, akzeptiere ich. Ich bitte nicht um dies und jenes, das ich glaube, zu „brauchen“. Mein Geld reicht aus, ich kann damit auch anderen oft aushelfen. Solange ich für meine Kinder zu essen habe, kann ich Gott danken. Al Hamdu Lillah.
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